Martinsreiten und Gänseessen 2012

Der Internationale Reitclub veranstaltete sein Martinsreiten dieses Jahr erstmalig mit der Unterstützung der Reitschule Heiß. So konnte Jürgen Patt das Musikreiten mit 20 Reitern, von denen die weit überwiegende Zahl von Frau Heiß beritten gemacht wurde, durchführen. Diese beeindruckende Vorführung wurde von einer großen Zuschauerzahl bewundert. Zum Abschluss erhielt der arme Mann, gespielt von Dr. Richard Giesen, seinen halben Mantelteil vom Heiligen Martin, der von Moritz Timpe gegeben wurde. Begleitet wurde das Spiel vom Gesang der Zuschauer, die von Heinz Thoma mit der Ziehharmonika begleitet wurden.

Nahezu 80 Anhänger des Gänsebratens versammelten sich nach der reiterlichen Veranstaltung im Hotel Dahl. Der Vorsitzende begrüßte die Teilnehmer und bedankte sich bei Frau Heiß für die Unterstützung bei den Donnerstags-Ausritten des IRC. Ganz besonders bedankte er sich bei den Gastgebern, die mit viel Liebe und Engagement die Reiter nach den Ausritten mit Essen und Trinken versorgt haben und so für unvergeßliche Abende im Innenhof neben dem Reiterstübchen sorgten. Vor dem Gänseessen werden traditionell die Reiter mit dem Inga-Krugmann-Pokal geehrt, die die meisten Donnerstags-Ausritte des Sommers zu verzeichnen haben: 2012 erhielten den Wanderpokal Julian Brühl und Vincent Kammerer.

Da mit dem diesjährigen Eintrag auf dem Pokal der letzte Platz verbraucht ist, schlug der Ehrenpräsident Dr. Peter Sympher vor, einen neuen Pokal Heinz Hermanns zu widmen. Erich Krasemann erklärte sich spontan bereit, den Pokal zu stiften.

 

Die nachfolgende Tisch-Rede hielt unser Ehrenpräsident Dr. Peter Sympher auf das Pferd des Heiligen Martin.

Alle Fotos von Serena Kudaliyanage

Das Pferd des Heiligen Martin

Tischrede aus Anlass des Gänsebratenessens des

Internationalen Reitclubs Bad Godesberg am Martinstag 2012

 

1.Vom Pferd des Heiligen Martin war bei früheren Gänsebratenessen unseres Clubs noch nicht die Rede. Die Jugendwartin hat das zu Recht gerügt. In Diskussionsrunden im Anschluss an die Reitstunden haben wir darüber gesprochen und Argumente ausgetauscht. Dank sei allen, die mitgewirkt haben. Hier ist das Ergebnis:

2. Der Volksmund sagt: „St. Martin kommt nach alter Sitten, gern auf dem Schimmel angeritten“.

Wir halten das eher für unwahrscheinlich:

Zum einen ist nicht sicher, ob Martin an jenem denkwürdigen Tag überhaupt beritten war. In der ältesten schriftlichen Quelle wird kein Pferd erwähnt. Bildliche Darstellungen mit Martin zu Pferd erschienen erst 1000 Jahre später.

Zum anderen waren Schimmel damals selten. Schimmel sind ja keine eigene Rasse, die sich nach Belieben reproduzieren ließe. Schimmel gibt es in jeder Rasse. Sie verlieren ihre Grundfarbe erst nach einiger Zeit. Ursache dafür sind Gen-Mutationen. Die aber sind bei Pferden nicht häufiger als beim sprichwörtlichen weißen Elefanten.

Martin war 15, nach anderen Quellen 18. Das öffentliche Auftreten eines 15- oder 18-jährigen Soldaten mit einem seltenen Pferd wäre damals wohl kaum denkbar gewesen.

3. In Persien und in China versuchte man, Schimmel zu züchten. Es heißt, Perser und Chinesen hätten Schimmel wie Heilige verehrt.

Griechen und Römer dachten prosaisch. Zucht und Ausbildung der Pferde waren für sie Mittel zum Zweck, Kosten der Landesverteidigung zu senken. Dazu bestand Anlass. Einen Pferdeverschleiß wie die Perser konnten sich Griechen und Römer finanziell nicht leisten. In Persien wuchsen Pferde dank extensiver Weidenutzung gratis auf. Bei Griechen und Römern dagegen war Pferdehaltung wegen der Topografie der Länder teuer.

Der Weg zur Kostensenkung hieß: Verlängerung der Lebens­arbeitszeit der Pferde. Man denkt unwillkürlich an „Rente mit 67“.

Es war ein Grieche, Xenophon, der 350 v. Chr. in einer ersten wissenschaftlich fundierten Reitlehre dargelegt hatte, dass Reitpferde länger diensttauglich bleiben, wenn sie das Gewicht von Reiter und Rüstung vermehrt mit der Hinterhand aufnehmen. Griechen und Römer setzten diese Erkenntnis konsequent in die Praxis um:

Zucht und Dressur wurden darauf ausgerichtet, die Hinterhand stärker untertreten zu lassen. Weil der Reiter, wie wir wissen, zu dem Zweck üben üben üben muss, wurden zusätzliche Reitstunden angesetzt.

Zum Ausgleich wurde im Unterrichtsprogramm eine damals beliebte Lektion gestrichen, die darin bestand, das Pferd mit der Vorhand vor- und mit der Hinterhand zurücktreten zu lassen, sodass sich der Rücken senkt und das Aufsitzen erleichtert wird. Für Griechen und Römern waren das Fisimatenten, ebenso wenig kriegswichtig wie die Farbe der Pferde.

4. Maler, die die Szene der Mantelteilung 1000 Jahre später im Bild festhielten, haben solche Überlegungen sicherlich nicht angestellt. Sie waren einfache Handwerker, akademisch ungebildet. Sie recherchierten nicht, sondern folgten ihrem Gefühl, dem Volksglauben ihrer Zeit und allenfalls den Vorgaben ihrer Auftraggeber.

5. Reiterposen waren seit der Antike weltweit stereotype Stilmittel, die überragende Bedeutung des Porträtierten hervorzuheben.

Als Asket war Martin das spätantike Ideal eines Mönchs und Bischofs. Ihm war vergönnt, in seinen 81 Lebensjahren mehr zu bewirken und mehr Anerkennung zu ernten als alle anderen Heiligen vor ihm. Die waren schon in jungen Jahren als Märtyrer gestorben.

Einer der Reiter, die an der Tischrede mitwirkten, hat eingewandt, dass Pferde der Bibel zufolge Attribute des Hochmuts und weltlicher Macht seien. Mit Bedacht habe Jesus für seinen Einzug in Jerusalem als Reittier kein Pferd, sondern eine Eselin und ihr Fohlen gewählt. Das Pferd in den Martinsdarstellungen könne danach keinen christlichen Bezug haben, sondern illustriere allein Martins damalige dienstliche Funktionen als römischer Soldat.

So ist es. Das Besondere jenes denkwürdigen Ereignisses war ja in der Tat nicht bloße Barmherzigkeit. Martin teilte mit dem Bettler nicht irgendeinen Gegenstand, sondern seine Reiteruniform, durch die er sich als römischer Soldat von den unterworfenen Galliern für alle sichtbar abhob. Es solidarisierte sich der Besatzer mit den Besetzten.

(Der einzige weitere berittene Heilige ist St. Georg. Aber auch in dessen bildlicher Darstellung unterstreicht das Pferd nicht etwa seine christlichen Tugenden, sondern markiert nur die Ausgangsposition, aus der Georg den Speer gegen den Drachen schleuderte und wohl auch nur schleudern konnte.)

6. Für die weiße Farbe des Pferdes gibt es, ebenso wie für den Brauch, zu Martini im Kreise von Freunden eine gebratene Gans zu essen, viele plausible Gründe:

  • Nach der Legende verkörperte Martin Reinheit, Demut und Barmherzigkeit. Im europäischen Kulturkreis ist damit die Farbe weiß konnotiert.
  • Nach grie­chischer Mythologie waren Schimmel Attribute der guten Götter.
  • Wotan, der Gott der Germanen, und auch der Prophet Mohammed ritten Schimmel.
  • Der achtfüßige Hengst, der nach nordischer Sage kriegsgefallene Kämpfer nach Walhall brachte, war ein Schimmel.
  • Und nach der Offenbarung des Johannes kommen die himm­lischen Heerscharen auf weißen Pferden daher.

Dass sich auch Napoleon – wiederholt - auf Schimmeln porträtieren ließ, er, der Europa mit Kriegen überzog, irritiert auf den ersten Blick. In Anlehnung an die apokalyptischen Reiter würde man ihm eher ein rotes oder ein schwarzes Pferd zuordnen.

Napoleon selbst sah das anders. Rückblickend schrieb er, die 40 Schlachten, die er führte, würden bald vergessen sein. Was bleiben werde, sei das von ihm eingeführte moderne Rechtssystem, der code civil: Freiheit für Jeden, Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz, Schutz des Privateigentums, Trennung von Staat und Kirche, Abschaffung des Zunftzwanges, Gewerbefreiheit und Haftung des Staates für schuldhaftes Handeln seiner Beamten. So gesehen war Napoleon wohl doch eines Schimmels würdig.

7. Die Pferde, mit denen Heinz Hermanns in ungezählten Martinszügen Godesberger Kindern voranritt, waren natürlich auch Schimmel.

Einer seiner Schimmel, eine Stute, Susi hieß sie, kannte die Lektionen der LPO auswendig. Jeder Anwärter auf das Reiterabzeichen wollte Susi. Aber Susi ging ein- und dieselbe Prüfung nur drei Mal. Das entsprach der LPO.

Manche Clubmitglieder erinnern sich auch an den Schimmel Wimpel. Mit Heinz Hermanns als Martinsdarsteller besuchte Wimpel die Godesberger Kreditbank. Dort übertraf er in seiner Verachtung des Mammon noch die Urchristen: In der Schalterhalle äppelte er auf den nagelneuen Teppichboden.

Fassen wir zusammen: Ob und wie der Heilige Martin beritten war, wissen wir nicht. Wir können das getrost offen lassen, denn die Aussage der Bilder ist so oder so schlüssig.

(P.S.) 

Internationaler Reitclub Bad Godesberg e.V.
Gut Haus Holzem
53343 Wachtberg - Berkum

 

1. Vorsitzende:

Miriam Wedemeier